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In Guten wie in Schlechten Tagen

Stell dir vor, du kommst von der Arbeit nach Hause. Die Strecke ist lang und du hast einfach nicht die richtige Musik gefunden, die du im Auto hören konntest.

Deshalb hast du auf Radio umgeschaltet, aber das war auch nicht das Richtige, weil immer auf jedem Sender zur gleichen Zeit Werbung kommt, außer auf einem. Und da lief "Life is live" und jetzt hast du diesen Ohrwurm, den du bis heute Nacht nicht loswerden wirst.

 

Du hattest heute irre viel zu tun, denn dein Kollege hat Urlaub. Scheinbar sammelt er extra Arbeit an, damit du auch was zu tun hast wenn er nicht da ist. Zumindest kommt dir das so vor. Seufzend stellst du deine Tasche ab, in der dir heute deine Trinkflasche ausgelaufen ist. Du musst sie noch auswischen, hast jetzt aber definitiv keine Lust dazu.

 

Du willst jetzt nur noch auf die Couch und von deinem Partner geknuddelt werden

 

Er ist schon länger zuhause und liegt bereits auf der Couch. Du kommst zu ihm und willst ihm einen Kuss geben, aber er dreht den Kopf weg und sagt krächzend: "Nee, besser nicht, ich hab' mir was eingefangen."

Hustend läuft er in die Küche und macht sich einen Tee.

Du schmeißt dich auf die Couch und schnaufst ganz laut. Dein Kopf dröhnt und es ist, als wäre eine Dampfwalze über dich gerollt. Du fühlst dich alleine und ganz ganz mies, weil du einen echten Scheißtag hast.

"Ey, mein Tag war echt kacke.", rufst du in die Küche, in der Hoffnung auf ein bisschen Trost.

Aber er kommt mit seiner Tasse Tee heraus und sagt nur: "MIR gehts scheiße, ich bin schließlich krank!"

Du drehst dich weg und fängst an ein bisschen zu weinen, denn alles ist Mist heute. Doch dadurch wird dein Kopfweh nur noch schlimmer und du schläfst schließlich erschöpft auf der Couch ein.

 

Als du wieder aufwachst, hast du Halsweh und deine Nase läuft. Na toll - auch dich hat die Erkältung erwischt, und das gleichzeitig mit deinem Partner, von dem du am Liebsten ganz viel Abstand hältst wenn er krank ist. Denn dann ist er unerträglich!

 

"Kannst du mir ne Suppe kochen?", fragt er kläglich und du bist kurz vorm Ausrasten. "NEIN!", brüllst du und setzt dich mit einem Ruck auf. Das büßt du sofort mit einem Schwindelanfall, den du aber ignorierst. "Ich bin doch auch krank, und das jetzt wo in der Abteilung so viel los ist!"

"Ach so...", sagt dein Partner, schaut dich mitleidig an und legt seinen Arm um dich. "Na dann machen wir hier eine Quarantänestation auf." Und er drückt dich ganz fest an sich, was dir wieder ein klein bisschen die Tränchen in die Augen steigen lässt.

 

Kennt ihr solche tAGE?

Manchmal hat man das Gefühl, alles spielt gegen einen.

Mir fällt dann oft das Lied von Travis ein: "Why does it always rain on me?"

Im Songtext fragt sich der Protagonist, warum zur Hölle es in seinem Leben immer regnet? Hat er es selbst verschuldet, als er mit siebzehn gelogen hat? Nicht mal wenn die Sonne scheint, kann er das Gewitter vermeiden...

Auch mir geht es oft so: Manche Tage erscheinen unfair, ungerecht und eine Kumulation alles Schlechten, was die Welt zu bieten hat. "Warum passiert das denn immer nur mir?", ist eine Frage, die man sich dann gerne stellt. 

 

 

 

Die kleine Geschichte, die ich eingangs geschildert habe, ist Flo und mir vor einigen Wochen passiert. An solchen Tagen fragt man sich: Wie schlimm kann es eigentlich noch werden? Ein blödes Ereignis reiht sich an das Nächste und es ist, als würde man das "Unglück" magisch anziehen.

Am Ende des Tages lag ich rotzkrank auf der Couch und nicht mein Mann starb fast an Männergrippe sondern ich.

 

Natürlich, ihr als Außenstehende fragt euch jetzt vielleicht: "Was ist eigentlich dein Problem, es ist doch nur eine Erkältung und halb so schlimm! Ja, und mal einen stressigen Tag auf der Arbeit kennt jeder. Dann ist dir halt auch noch die Flasche ausgelaufen, du stellst dich aber auch an."

 

Ob wir etwas "gut" oder "schlecht" finden, hängt davon ab, wie wir das Ereignis oder die Sache vorab bewerten. Das Lied "Life is live" zum Beispiel ist für mich einer der nervigsten Songs ever - für jemanden den ich kenne ist es der Ausdruck purer Lebensfreude.

Begegnet einem eines dieser als negativ bewerteten Dinge, können wir es meist ignorieren. Sind es zwei oder mehr, sorgt das oft schon für schlechte Laune. Und ist es eine auffällige Häufung solcher Nervtöter, beginnen wir uns zu fragen: "Macht das Leben das mit Absicht?"

 

Diese Bewertungen sind erst der Auslöser für unsere miese Laune, nicht die Ereignisse

 

 

Am Schlimmsten ist es, wenn unsere miese Laune sich auf andere Personen und das, was sie unserer Meinung nach falsch machen, bezieht. Wir erwarten ein gewisses Verhalten - doch werden unweigerlich enttäuscht.

 

Flo war selbst erkältet und daher ebenfalls schlecht drauf - ich habe mich ungerecht behandelt gefühlt, da ich Trost gebraucht hätte und mein Tag ja augenscheinlich viel schlimmer war.

 

Doch leider synchronisieren sich die Gehirne auch bei einem glücklich verheirateten Paar nicht automatisch.

Es ist eher so wie auf dem rechten Bild. Wir alle haben unsere eigenen krumm gewachsenen Bäume in unseren Köpfen - und die kleinen Gedankenvögel fliegen darin herum. Nur leider ist es ein Wunschtraum, dass sie sich wie auf dem Bild von alleine treffen und wir uns wortlos verstehen.

Damit Gedankenvögel den Kopf und das Herz des Anderen erreichen können, müssen wir sie losschicken.

Indem wir miteinander reden

Und das fällt uns meist furchtbar schwer.

An besagtem Tag habe ich mich zunächst lieber in meinem Selbstmitleid vergraben, mich gefragt, warum es immer auf mich herabregnet.

Zusätzlich ging Flo mir auf die Nerven, weil er "männergrippig" war. Doch auch das passiert in den meisten Beziehungen: Man findet sich nicht immer super, man geht sich auf die Nerven und hat keine Lust miteinander zu reden.

 

Wie durchbricht man eine solche Spirale?

Die Antwort ist einfach und schwer: Liebe.

 

Ich wollte Flo keine Suppe kochen und habe ihn angefahren, weil er das von mir verlangt hat anstatt zu sehen, dass ich auch krank bin. Hätte er darauf beleidigt reagiert, wäre die Situation schnell in einen Streit eskaliert.

Doch das einfache "In-den-Arm-nehmen" hat mir die Luft aus den Segeln genommen und es mir ermöglicht, dass ich zeigen konnte, warum es mir schlecht geht und was wirklich dahinter steckt.

 

Das ist natürlich keine Patentlösung für jedes Paar und jede Situation, manchmal könnte ich auch ausrasten wenn man versucht, mich in den Arm zu nehmen.

Ich glaube, die schwierige Aufgabe ist es, unsere Erwartungen und Egos manchmal zurück zu schrauben.

Wir beide haben erkannt, dass wir uns nicht gegenseitig gesund machen können und auch keine Krankenpfleger spielen MÜSSEN - wir können aber wenn wir es gerne wollen.

 

Die Suppe haben wir dann an diesem Abend zusammen gekocht - und ein paar Tage gemeinsame Zeit durch die Erkältung gehabt.

 

Wie ist es bei euch - wie findet ihr einen Weg aus Streitereien an schlechten Tagen?

 

Habt euch lieb, liebe Grüße, eure Angie

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